Kultur im Foyer -Schlossbrand- 28.09.2011
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Kultur im Foyer -Schlossbrand- 28.09.2011
Veranstaltungsarchiv

Chronologie einer Katastrophe: „Als das Schloss in Flammen stand!“

Branddirektor i.R. und Feuerwehrhistoriker Dieter Jarausch über das Großfeuer im Alten Schloss 1931
Mittwoch, 28.September 2011, 19:00 Uhr, Polizeipräsidium Stuttgart, Bau B, Großer Saal

Herbstveranstaltung 2011 im Rahmen unserer Vortragsreihe “Kultur im Foyer”

Bild (v.l.):
Dieter Jarausch
Michael Kühner
Pit Schühlen

















Nach der Auftaktveranstaltung im Frühjahr, in der uns in Form der Interviewtechnik die Arbeit des Kampfmittelbeseitigungsdienstes nahe gebracht
wurde, konnten wir mit Herrn Branddirektor i.R Dieter Jarausch einen renommierten Feuerwehrhistoriker für einen Vortrag zum Thema “als das
Schloss in Flammen stand” gewinnen. Rasch füllte sich der große Saal des Polizeipräsidiums Stuttgart mit interessierten Vereinsmitgliedern, aber
auch mit externen Gästen, darunter auch einige Angehörige der Berufsfeuerwehr Stuttgart.

Allein durch die zahlreich erschienenen Zuhörer wurde deutlich, dass wir mit dem Thema wohl die Interessenslage gut getroffen haben. Die
Ereignisse rund um den Brand des Alten Schlosses im Jahre 1931 haben sich tief in das Bewusstsein der Stuttgarter Bürger eingebrannt und es
gibt wohl Wenige, die nicht durch die Erzählungen der Eltern und Großeltern von diesem spektakulären Großfeuer im Alten Schloss
erfahren haben,
das seinerzeit die gesamte Stuttgarter Bevölkerung in seinen Bann gezogen hat.


Die Erwartungshaltung an den Referenten war also groß. Stolz sind wir natürlich darauf, mit unserem Mitglied Hans Harsch einen Zeitzeugen in
unseren Reihen zu haben, der als kleiner Junge die Ereignisse live erlebt hat.´Nach der Begrüßung des Referenten und der
Veranstaltungsteilnehmer durch unseren 1. Vorsitzenden, nahm uns Branddirektor Jarausch auf eine spannende Zeitreise in das Jahr 1931 mit:



Das Alte Schloss vor
seiner Zerstörung
durch das Feuer

Perspektive vom Karlsplatz
(Südseite)

Über dem gothischen
Untergeschoss der
Renaissance-Aufbau
mit dem rechten Eckturm
und dem Archiv-Vorbau

Diese Seite des Schlosses
wurde beim Brand vollständig
zerstört.







Als am 21.12.1931 Polizisten, die damals im Ostflügel des Alten Schlosses ihre Dienstzimmer hatten, Rauch in ihren Büroräumen bemerkten,
konnten sie nicht ahnen, dass dies der Beginn der größten Brandkatastrophe in Stuttgart war, hatte es doch seit 1891 keinen vergleichbaren Brand
und keine toten Feuerwehrmänner  gegeben.

Am 22.12.2011 ist es 80 Jahre her, dass das Alte Schloss 10 Tage lang in Flammen stand, die 3 tote, 20 schwer- und 40 leichtverletzte
Feuerwehrleute forderten. Nach der Katastrophe setzte dann eine scharfe, nicht immer sachgerechte Kritik mit Angriffen gegen den damaligen Chef
der Stuttgarter Feuerwehr, Branddirektor Müller, ein. Die Medien kritisierten den angeblich “zu spät vorgetragenen Außenangriff”.
Die Arbeit der
Feuerwehr hat man wohl nicht gesehen, da sie sich im Innenhof abspielte. Bei der ganzen Diskussion muss man berücksichtigen, dass der Brand
des Alten Schlosses auch als Symbol für eine ungewisse Zukunft angesehen wurde.


 

Dieter Jarausch
Branddirektor i.R.
vor zahlreichen
interessierten
Zuhörern
















Zunächst muss man sich die seinerzeitige bauliche Situation des Alten Schlosses vor Augen halten. Im Gebäude befanden sich Wohnungen mit
Ofenheizungen, die eine bedeutende Rolle bei dem Brandverlauf spielten. Auch waren Holzdecken und Zwischendecken, die mit brennbaren
Materialien aufgefüllt worden waren sowie mit Stoff bespannte Bretter vorhanden, was eine Kaminwirkung entfaltete. Heute würde man von Pfusch
am Bau sprechen!

Dem für das Schloss zuständigen staatlichen Finanzministerium war die bauliche Situation bekannt. Die Räumung der im Gebäude befindlichen
Behördenräume und Wohnungen war geplant. Im Dachgeschoss sollte die Funkzentrale der Polizei untergebracht werden; auch eine Zentralheizung
sollte eingebaut werden. Diese Vorhaben konnten allerdings nur im Rahmen einer Sanierung des Gesamtgebäudes realisiert werden. Das Projekt
scheiterte jedoch am Geldmangel.


Ursächlich für den Ausbruch des Brandes war schließlich die Ofenheizung. Zu eine Rauchentwicklung und Rauchgeruch kam es zunächst in den
Dienstzimmern der Schutzpolizei. Diese resultierten aus einem bereits Tage andauernden Schwelbrand.


Eine riesige, weithin
sichtbare Rauchsäule
steht über dem Alten Schloss




















Die Stuttgarter Feuerwehr verfügte zu jener Zeit über insgesamt 3 Feuerwachen, einen Personalbestand von 137 Mann, 26 Kfz., 6 Löschfahrzeuge
und 3 Drehleitern. 900 Angehörige von Freiwilligen Feuerwehren waren eingemeindet und 26 Sanitätskolonnen des DRK waren an das
Alarmierungssystem angeschlossen. Ein Löschzug bestand aus 2 Fahrzeugen und 1 Drehleiter. Alarmiert wurde zunächst die Feuerwache 1.
Nach dem Eintreffen wurden zunächst 2 und dann 24 Rohre verlegt.

Der Einstieg erfolgte mit Atemschutztechnik. Wegen der Wirtschaftskrise waren aber nut 13 Geräte vorhanden, wobei die Filter nicht gegen das
Kohlenmonoxyd halfen. Hierfür war ein Kreislaufgerät geeignet, mit dem man 1 Stunde tätig sein konnte. Es wurde dann ein sog. Pionierwagen mit
Belüftungstechnik nachalarmiert. Das brachte aber nicht viel und die im Ostflügel befindlichen Räume mussten evakuiert werden. Zwischenzeitlich
hatte auch die Polizei ihre Kräfte alarmiert.

Um 11.51 Uhr erfolgte die Alarmierung aller dienstfreier Feuerwehrbeamter. Im weiteren Verlauf kam es dann zu einer Durchzündung des
Dachstuhls. Die Kamine brachen durch und es entwickelte sich ein offener Brand. Zu diesem Zeitpunkt waren schon 90 Feuerwehrbeamte im
Einsatz. Die Feuerwache 2 wurde in Reserve gehalten. Der Löschangriff wurde vom Innenhof aus geführt. Der Totaleinsturz der Gebäudeteile konnte
jedoch nicht verhindert werden.

Der Innenhof des
Alten Schlosses

während dem
Löscheinsatz















Es wurden dann die Reservefeuerwehren von Esslingen, Feuerbach und Ludwigsburg alarmiert. Die Feuerwehr war jedoch nicht mehr Herr der Lage.
In der Folge kam es zu Einstürzen der Giebel, die Feuerwehrleute unter sich begruben. Jetzt ging es nicht mehr um Löschangriff, sondern nur noch um
Verteidigung. Bei einer Temperatur von Minus 10 Grad erfolgte gegen Abend ein Personalaustausch sowie die Versorgung der eingesetzten Polizei-
und Feuerwehrkräfte. Schutzpolizei wurde jetzt durch Kräfte der Reichswehr ersetzt.

Mittlerweile hatten sich 10 000 Schaulustige am Ort des Geschehens eingefunden und die Reichsbahn setzte sogar Sonderzüge ein.
Katastrophentourismus gab es also damals schon. Die Polizei hatte nun alle Mühe, die Ordnung aufrecht zu erhalten.

Um 22.00 Uhr waren 24 Löschrohre im Einsatz, der dann in der Nacht ruhte. Es mussten nun  Scheinwerfer aufgetrieben werden, um die Brandstelle zu
beleuchten.Ein weiterer Mauereinbruch zwischen Südturm und Schlosskirche begrub 7 Feuerwehrleute unter sich, wobei 3 Beamte tödliche
Verletzungen erlitten. Ursächlich für den Einsturz war der klirrende Frost. Nach 42 Stunden war der Brand endlich unter der Kontrolle.
Der Dachstuhl und die Seitentürme auf der Seite zum Karlsplatz fallen dem Feuer nahezu vollständig zum Opfer


Einer der Türme des
Alten Schlosses

ist auf diesem Bild
bereits größtenteils
eingestürzt














Insgesamt waren 7 Löschfahrzeuge und  2 Drehleitern im Einsatz. Es wurden 7 B und 29 C-Rohre verlegt sowie 30 000 Kubikmeter Löschwasser
verbraucht.

Am 24.12.1931 fand eine Aussprache im Gemeinderat mit einem Spendenaufruf statt. Die Presse bezog gegen die Feuerwehr Stellung und sprach
ein Misstrauensvotum aus. Persönliche Angriffe richteten sich gegen Branddirektor Müller, dem jedoch der Gemeinderat das Vertrauen aussprach.
Die Angriffe hat er wohl Zeit seines Lebens nie verwunden. Er starb im Alter von 57 Jahren.

Bei aller Kritik an dem Einsatz galt und gilt es auch heute noch zu bedenken, dass es keine Funktechnik gab und somit lange Entscheidungswege
erforderlich waren. Die Feuerwehrmänner haben mit den zur Verfügung stehenden Einsatzmitteln unter Einsatz ihres Lebens ihr Bestes gegeben.
Ihnen und dem damaligen Einsatzleiter, Branddirektor Müller, gilt es ein ehrendes Gedenken zu bewahren.

Dieter Jarausch
Branddirektor i.R.
























Der interessante Vortrag wurde vom Referenten mit einem eindrucksvollen zeigenössischen Film und zahlreichen Bildern illustriert, was dazu führte,
dass sich die Veranstaltungsteilnehmer sehr gut in das damalige Geschehen versetzen konnten. Der Abend endete mit einem Stehimbiss,
erfrischenden Getränken und vielen Gesprächen. Die letzten Besucher gingen erst gegen 22.00 Uhr nach Hause und versprachen, bei der nächsten
Veranstaltung wieder dabei sein zu wollen.


Joachim Schloz
Schriftführer


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